Bevor Roulette automatisiert wurde und Dresscodes aufgeweicht wurden, war die klassische Spielbank ein streng reglementierter Ort mit eigenen Regeln. Martin Altmann arbeitete in den 1990er-Jahren als Croupier in Baden-Baden und erlebte den Alltag am Roulettetisch aus nächster Nähe. Im Interview spricht er über seinen eher zufälligen Einstieg, die Anforderungen der Ausbildung und darüber, was Gäste am Tisch nie sehen sollten – vom Umgang mit Stammspielern bis zu stillen Grenzsituationen des Glücksspiels.
Spielbank.com.de: Herr Altmann, wie sind Sie in den 1990er-Jahren überhaupt Croupier geworden – war das ein bewusster Karriereplan oder eher Zufall?
Das war Zufall! Wissen Sie, damals in den 90ern gab es noch kein Internet, keine Online Jobbörsen. Man saß samstags mit einer Tasse Kaffee da und blätterte manchmal aus Interesse durch die Stellenanzeigen der Badischen Neuesten Nachrichten. Dort bin ich dann irgendwann über die Anzeige der Spielbank Baden-Baden gestolpert. Croupier-Ausbildung. Das ist ja mal was anderes! Kein 08/15-Job. Die Ausbildung war abends im Kurhaus und Roulette hatte mich schon immer interessiert.
Also hab ich denen einfach mal geschrieben. Und die haben mich genommen! Die Spielbank Baden-Baden hatte ja sowieso schon immer so einen besonderen Ruf. Mich hat das Ganze interessiert – das Umfeld, Glücksspiel an sich, vor allem aber Roulette. War halt einfach mal was Ungewöhnliches, hat mich gereizt. Karriereplan? Nee, eher Neugier.
Spielbank.com.de: Wenn Sie an Casinos wie Baden-Baden in den 90ern zurückdenken: Wie war die Atmosphäre im Vergleich zu heute?
Es gab in den 90ern auch schon ein Automaten-Casino, aber das war strikt getrennt vom großen Spiel, und das war auch gut so!
Die Atmosphäre in der echten Spielbank mit den großen Roulette-Tischen, Blackjack und so weiter, das war eine ganz andere Welt. Allein der Dresscode sorgte dafür. Wer ins Casino Baden-Baden wollte, der musste sich schick machen, sonst kam man schlicht nicht rein. Im Foyer gab es sogar eine Auswahl an Sakkos und Krawatten, die man sich ausleihen konnte, falls man nicht entsprechend gekleidet war.
Heute gibt es leider auch schon Roulette-Automaten in den großen Spielsälen in Baden-Baden. Aus wirtschaftlicher Sicht kann ich es verstehen. Eine Spielrunde am Automaten ist halt viel kürzer als an einem echten Tisch mit Croupier. Da geht alles schneller, mehr Spiele pro Stunde, mehr Umsatz. Aber die Atmosphäre, die Eleganz vom echten Spiel, das geht dabei verloren.
Spielbank.com.de: Wie lief die Ausbildung zum Croupier damals ab – und wie hart war die Auswahl wirklich?
Es war irgendwie cool, abends nach Baden-Baden zu fahren und dann durch einen Seiteneingang ins Kurhaus und die Spielbank zu gehen, wo zwei Roulette-Tische nur für die Ausbildung bereitstanden.
Aber ich hatte es mir ehrlich gesagt viel einfacher vorgestellt! Die ganzen technischen Fähigkeiten, die man draufhaben musste. Jetons gekonnt auf den Tisch legen, mit einer Hand aufstapeln und auszählen für den Kunden. Das muss alles flüssig gehen und dazu elegant aussehen.
Was mich aber am meisten überrascht hat, waren die vielen Systeme beim Roulette. Und man musste die alle genau kennen! Die große Serie zum Beispiel umfasst viele Zahlen und deckt über die Hälfte des Tisches ab, dafür braucht man mindestens neun Jetons.
Dann die Orphelins, da werden auf dem Kessel zwei kleinere Bereiche abgedeckt. Beim Zero Spiel werden die Zahlen rund um die Null auf dem Kessel gespielt, das sind sieben Zahlen mit vier Jetons. Und wenn man die Anweisung „Finale 3″ vom Kunden bekommt, bedeutet das, dass er alle Zahlen, die auf 3 enden, also 3, 13, 23, 33 setzen will.
Man musste eigentlich den gesamten Kessel und die Anordnung aller Zahlen auswendig können. Ich musste wissen, welche Zahlen links und rechts neben der 32 liegen und so weiter. Das hat mich dann schon etwas überrascht bei der Ausbildung.
Man fängt ja als Saladier an, das ist derjenige, der die ganzen Chips sortiert, die verloren wurden. Aber wenn man zum Kopf-Croupier aufsteigt, dann bist du derjenige, der die Auszahlung an die Gewinner vornimmt. Da musst du gut im Kopfrechnen sein. Und du zelebrierst die Gewinnauszahlung, während alle Augen auf dich gerichtet sind. Das hat schon was.
Ich war echt verblüfft, was es da alles für Spielvarianten und Systeme gibt. Die ganzen Ansagen, Fachbegriffe, Kombinationen. Das musste alles sitzen.
Spielbank.com.de: Wie sah ein typischer Arbeitstag oder eine typische Schicht an einem gut besuchten Abend aus?
Die Nachmittagsschicht war deutlich entspannter. Abends war richtig was los, da waren einfach viel mehr Leute und es ging hektischer zu.
Man kam an, zog sich um in die Uniform und wartete dann auf den Schichtbeginn. Manchmal gab es die Übergabe am Tisch vom Kollegen, falls es irgendwelche Besonderheiten mit Gästen gab. Und dann ging es los.
Was viele nicht wissen: Gäste, die viel spielen, bekommen spezielle Jetons mit Farbmarkierungen. Man hatte dann seine eigene Farbe sozusagen. Damit erkennt man genau, wenn und wo der Gast was gewonnen hat, auch wenn auf dem Tableau überall Jetons liegen. Die Gewinne werden dann auch in seinen speziellen Jetons ausgezahlt. Das macht die ganze Sache übersichtlicher, vor allem wenn mehrere Spieler gleichzeitig auf ähnliche Felder setzen.
An einem gut besuchten Abend stand man dann die ganze Schicht unter Strom. Kugel rollen lassen, Ansagen entgegennehmen, auszahlen, alles im Fluss halten. Da musste alles sitzen.
Spielbank.com.de: Welche Spiele haben Sie am häufigsten geleitet – und welches lag Ihnen persönlich am meisten?
Die Ausbildung, die ich gemacht habe, war nur für Roulette. Für Blackjack, Baccarat und die anderen Spiele gibt es jeweils eigene Zusatzausbildungen.
Roulette war aber auch genau das, was mich am meisten interessiert hat. Das Spiel hat einfach diese besondere Eleganz und gewisse Spannung, wenn die Kugel rollt.
Manche Kollegen haben dann später noch die Ausbildung für Blackjack oder andere Spiele gemacht, aber ich bin beim Roulette geblieben.
Spielbank.com.de: Was für ein Publikum kam in den 90ern ins Casino? Gab es typische Stammgäste oder „Charaktere”?
Natürlich gab es echte Stammgäste! Die wurden dann auch entsprechend behandelt. Die hatten ihre eigenen Jetons, und der Ober brachte ihnen auch gerne was zu trinken direkt an den Tisch. Manche haben da Stunden verbracht. Und ihr Stuhl war fest reserviert, solange sie spielen wollten. Das war selbstverständlich.
Dann gab es jede Menge Touristen in Baden-Baden. Die erkannte man sofort. Stammgäste waren meistens ruhig und gelassen beim Spiel, auch wenn sie gewonnen hatten. Aber Touristen sind manchmal total ausgeflippt bei einem Gewinn! Gekreischt, gejubelt, die ganze Palette. Das war ihnen dann oft direkt peinlich, weil alle Umstehenden grinsen oder lachen mussten. Ich fand das aber immer sehr sympathisch, wenn sich jemand richtig über einen Gewinn gefreut hat.
Und dann gab es noch die Hardcore-Spieler. Die kamen mit einem Notizbuch, haben sich hingesetzt und sich jede Zahl notiert, die gefallen ist. Sie haben nicht immer gesetzt, sondern auf eine bestimmte Situation oder Zahl gewartet. Und dann wurden die plötzlich hektisch und haben Anweisungen gegeben! Manchmal haben sie dabei gewonnen, manchmal nicht. Dann haben sie einfach ihr Buch weitergeführt, bis sie nach ihrem eigenen System wieder setzen konnten. Faszinierend, diese Leute.
Spielbank.com.de: Haben Sie extreme Gewinn- oder Verlustsituationen miterlebt, die Ihnen gezeigt haben, was Glücksspiel mit Menschen machen kann?
Es gab einmal einen Gast, der hat an unserem Tisch einen regelrechten Ansturm ausgelöst. Der kam, nahm noch nicht einmal Platz und setzte die 17 mit dem Maximaleinsatz. Und damit meine ich wirklich alles! Nicht nur die Zahl selbst, sondern alles, was möglich war – die einfachen Chancen, alle Kombinationen drumherum. Die 17 auf dem Tableau war komplett zugestellt. Das sah schon krass aus.
Beim ersten Wurf fiel die 20. Teiltreffer, kleiner Gewinn, aber der Rest war weg. Und was macht er? Lässt alles wieder auffüllen und setzt nochmal komplett die 17! Unser Tisch war da schon total belagert. Jede Menge Trittbrettfahrer, die plötzlich auch alle auf die 17 wollten und wir hatten schon Probleme, überhaupt noch Chips auf der 17 zu platzieren.
Und dann ist tatsächlich die 17 gefallen! Der Gast hat gewonnen, viele andere auch. Es hat ewig gedauert, alle auszuzahlen. Und dann hat er sämtliche Einsätze einfach auf dem Tisch belassen. Nächste Runde – und der Einsatz war weg. Weder beim Gewinn noch beim Verlust hat der Gast übermäßige Reaktionen gezeigt und ist extrem cool geblieben. Nach dem Verlust ist er einfach in der Menge verschwunden und ich habe ihn nicht mehr gesehen.
Aber es gibt natürlich auch die andere Seite. Gäste, die verlieren und damit nicht gut umgehen können. Unangenehm wird es, wenn sie ihrem Unmut laut Luft machen und man sie beruhigen muss. Das gehörte dann leider auch zum Job dazu.
Spielbank.com.de: Wie wurde damals mit Betrugsversuchen oder Regelverstößen umgegangen – offen vor den Gästen oder eher diskret im Hintergrund?
Es kam schon mal vor, dass es Meinungsverschiedenheiten am Tisch gab. Manchmal haben Gäste behauptet, sie hätten einen Einsatz gemacht, und ein anderer hat dasselbe behauptet. Das konnte man aber in den meisten Fällen direkt klären.
Wenn wir als Croupier einen Einsatz für einen Gast gemacht haben, dann hat man sich das Gesicht gemerkt. Man wusste genau, wer was gesetzt hat. Solche Betrugsversuche wurden meist im Keim erstickt, auch weil natürlich alles gefilmt wurde. Man konnte jederzeit nachweisen, wer was wo gesetzt hat.
Das lief dann eher diskret ab. Man hat dem Gast freundlich aber bestimmt klargemacht, dass man genau weiß, wie es war. Meistens war das Thema dann sofort erledigt.
Einen filmreifen Betrugsversuch habe ich ehrlich gesagt nie erlebt. Also nichts mit versteckten Kameras, Komplizen oder so. Die Spielbank hatte da schon ihre Systeme, und die funktionierten gut.
Spielbank.com.de: Was hat sich aus Ihrer Sicht seit den 90ern am stärksten verändert – beim Spiel, beim Publikum oder im Umgang mit Geld?
Ganz klar die Automaten. Es sind einfach viel mehr Automaten im Einsatz als früher. Roulette und Blackjack sind zwar nach wie vor die beliebtesten Spiele, aber die werden heute oft am Automaten gespielt statt am echten Tisch.
Der Grund ist simpel. Die Leute wollen mehr spielen können, aber mit kleineren Einsätzen. An einem echten Tisch liegt der Mindesteinsatz oft bei 5 oder 10 Euro, manchmal sogar bei 50 Euro oder mehr, je nach Tisch. Das ist vielen zu viel oder sie wollen einfach flexibler sein.
Am Automaten können sie mit 10 Cent oder 50 Cent pro Runde spielen und haben viel mehr Spielrunden für ihr Geld. Für die Casinos ist das natürlich auch lukrativer, wie gesagt. Aber ich finde es schade. Die ganze Atmosphäre, das Miteinander am Tisch, die Spannung wenn der Croupier die Ansagen macht und die Kugel rollt – das geht verloren.
Spielbank.com.de: Wie blicken Sie als ehemaliger Croupier auf den Aufstieg von Online-Casinos – hätte das die klassische Spielbank damals verändert?
Mit Sicherheit haben Online-Casinos die Branche verändert. Es ist ja mit einem gewissen Aufwand verbunden, eine echte Spielbank zu besuchen. Im Online-Casino kann man jederzeit und überall spielen.
Soweit ich weiß, gibt es in Deutschland kaum Roulette und Blackjack, das online gespielt werden kann. Das ist derzeit noch das Alleinstellungsmerkmal für die lokalen Spielcasinos.
Einige Spielbanken springen aber auch auf den Zug auf und bieten mittlerweile eigene Online-Spielmöglichkeiten an. Ich kann mir schon vorstellen, dass man künftig zweigleisig fährt und sowohl lokal als auch online präsent sein will. Das eine schließt das andere nicht aus.
Aber für die klassische Atmosphäre, das echte Casino-Erlebnis mit dem Dresscode, dem Ambiente, der Spannung am Tisch – dafür gibt es keinen Ersatz. Das können Online-Casinos nicht bieten, egal wie gut die Grafik ist.
Spielbank.com.de: Wenn heute junge Menschen davon träumen, in einer klassischen Spielbank zu arbeiten: Würden Sie es empfehlen – und warum (oder warum nicht)?
Es ist nach wie vor ein ungewöhnlicher Beruf, der seine Vorzüge und Nachteile hat. Besonders die Arbeitszeiten muss man sich gut überlegen. Es gibt nur wenige gesetzliche Feiertage, an denen die Spielbanken geschlossen sind. Weihnachten, Silvester, wenn andere feiern, dann arbeitest du.
Auch die Schichtarbeit ist nicht zu unterschätzen, wie ich finde. Abends, nachts, am Wochenende. Dein Rhythmus ist komplett anders als bei normalen Jobs. Das kann auf Dauer schon belastend sein, gerade wenn Familie und Freunde ein ganz anderes Leben führen.
Alles in allem würde ich die Arbeit als Croupier in einer Spielbank als interessante Erfahrung bezeichnen, die ich nicht missen möchte. Man sieht unterschiedlichste Menschen, erlebt besondere Momente. Die Atmosphäre, die Eleganz, das hat schon was.
Aber als permanenten Beruf kann ich mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen. Für eine gewisse Zeit, um etwas Außergewöhnliches zu erleben – auf jeden Fall. Aber ein Leben lang? Dafür ist mir persönlich die Work-Life-Balance dann doch zu wichtig.
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