Mit 18 hinter dem Tisch: Ein Casino-Dealer packt im Interview aus

Anonymer Casino-Dealer im schwarzen Anzug mit Fliege in Rückansicht vor Kronleuchtern in einer dunkelgrün beleuchteten Spielbank.

Mit 18 hinter dem Tisch statt davor: Im Insider Talk erzählt ein ehemaliger Croupier, wie der Alltag in einer staatlichen Spielbank wirklich aussieht

Volljährig, aber zu jung, um selbst zu spielen: Mit 18 stand David am Blackjack- und Roulettetisch einer staatlichen Spielbank in Süddeutschland und wechselte Geldsummen, die er nicht hätte setzen dürfen. Im großen Interview spricht er über sein erstes Missgeschick am Tisch, über Stammgäste und Aberglauben, über einen Abend mit 30.000 Euro auf dem Filz und darüber, warum er trotz allem sagt: Ich würde es sofort wieder machen.

Wegen seiner vertraglichen Verschwiegenheitspflicht erscheint unser Gesprächspartner unter dem Pseudonym David. Seine Identität und seine frühere Tätigkeit sind der Redaktion bekannt und belegt. Die Stimme in der Audio-Fassung wurde zur Anonymisierung verfremdet.

Als Davids Vater seinen Sohn zum ersten Mal bei der Arbeit besuchte, blieb er genau fünf Minuten. Er sah sich um, sagte einen einzigen Satz über die stickige Luft und ging wieder. Drinnen blieb ein 18-Jähriger im schwarzen Anzug zurück, vor sich ein Blackjack-Tisch und Chips im Wert eines Kleinwagens.

Das ist gut zehn Jahre her. David, heute Anfang 30, war gerade volljährig geworden, als ihn ein Bekannter der Familie fragte, ob er eine Dealer-Ausbildung in einer Spielbank machen möchte. Nach drei Wochen Ausbildung stand er am Tisch. Das Kuriose daran: Selbst spielen durfte er nicht, denn für Gäste galt in seinem Haus ein Mindestalter von 21 Jahren. Seine Freunde kamen nicht einmal durch die Eingangskontrolle.

Wir haben mit ihm über eine Zeit gesprochen, die er heute als eine der lehrreichsten seines Lebens beschreibt. Es geht um das Rechnen mit Chipfarben, um Zuhälter und Hasenpfoten, um einen Bauern, der für seinen Traktor spielte, und um die Frage, wie man Abend für Abend Menschen beim Gewinnen und Verlieren zusieht, ohne selbst den Bezug zum Geld zu verlieren.

Davids Zeit als Croupier in Zahlen

  • 3 Wochen Ausbildung, dann stand David zum ersten Mal echten Gästen gegenüber
  • 45 Minuten am Stück saß oder stand David am Tisch, dann folgte eine Pause
  • 1 bis 2 Schichten pro Woche arbeitete David neben dem Studium
  • 800 bis 900 Euro blieben David davon am Monatsende
  • 1.000 Euro war das höchste Trinkgeld an seinem Tisch, behalten durfte er es nicht
  • 2 Jahre dauerte seine Spielsperre nach dem Ausstieg, wie bei allen Ex-Croupiers

Das Gespräch dauerte über eine Stunde. Für den schnellen Einstieg gibt es die fünfminütige Audio-Fassung mit den spannendsten Fragen direkt im Player. Das komplette Interview folgt darunter: rund zwölf Minuten Lesezeit, behutsam gekürzt und sprachlich geglättet.

spielbank.com.de logo
Insider Talk zum Anhören: sechs Fragen, fünf Minuten
Vom ersten Fehler am Tisch bis zu dem Abend, an dem ein Mann alles abräumte: die spannendsten Fragen des Gesprächs als O-Ton. Die Stimme unseres Gesprächspartners wurde zur Anonymisierung verfremdet.

Das Gespräch mit David in voller Länge

Acht Kapitel, von den ersten Wochen hinter dem Tisch bis zur letzten Frage. Los geht es dort, wo für David alles anfing: mit einem Zufall und einem ungewöhnlichen Angebot.

Inhaltsübersicht: direkt zum Kapitel springen

Der Einstieg: zu jung zum Spielen, alt genug zum Dealen

Wann bist du zum ersten Mal mit dem Thema Casino in Berührung gekommen?

David: Da war ich ungefähr 16. Über einen Bekannten der Familie habe ich zum ersten Mal erfahren, dass man im Casino überhaupt arbeiten kann.

Und wie kommt man dann mit 18 an so einen Job? Klassische Ausbildung, Quereinstieg oder Zufall?

David: Eher Zufall. Als ich 18 geworden bin, ist der Bekannte noch einmal auf mich zugekommen und hat mir angeboten, eine Dealer-Ausbildung bei der Spielbank zu machen.

Was haben deine Eltern davon gehalten, dass ihr Sohn direkt nach dem 18. Geburtstag im Casino anfängt?

David: Sie fanden es eigentlich gut. Ich glaube, der Job hat mir ein ziemlich gesundes Verhältnis zu Geld beigebracht.

Du durftest mit 18 dealen, selbst spielen aber erst mit 21. Wie fühlt sich dieses Paradox an, wenn du Abend für Abend Chips über den Tisch schiebst, die du selbst nicht setzen dürftest?

David: Am Anfang fühlt sich das schon komisch an. Das sind ja Geldsummen, die man als 18-Jähriger normalerweise nicht ständig um sich hat. Wenn dann die erste Person kommt und einfach mal 10.000 Euro über den Tisch schiebt, damit du das in Chips wechselst, denkst du dir schon: Nicht schlecht, nicht schlecht.

Wurdest du wegen deines Alters immer ernst genommen?

David: Nicht immer, nein. Wobei es bei mir als Mann noch vergleichsweise harmlos war. Ich hatte eine Kollegin, ebenfalls 18, bei ihr war es um einiges schlimmer. Fehler gehören bei Croupiers dazu, aber wenn ihr einer passiert ist, haben manche Gäste ewig darauf herumgeritten und sofort ihre komplette Kompetenz in Frage gestellt.

Und bei dir?

David: Eigentlich immer dann, wenn mir selbst einer unterlaufen ist. Wenn ich eine Karte zu früh ausgegeben oder beim Blackjack eine Karte zu viel gelegt habe, hat man sich schon mal einen Spruch eingefangen. Von den Gästen übrigens, niemals von den Kollegen.

Wie läuft so eine Croupier-Ausbildung ab?

David: Drei Wochen, ganz ohne Kundenkontakt, man fängt mit Blackjack an. Und sobald die Ausbildung vorbei ist, wird man direkt auf die Gäste losgelassen.

Ohne Aufsicht?

David: Nein, es schaut immer jemand auf die Finger, egal ob man frisch ausgebildet ist oder nicht. In der Spielbank gilt das Vier-Augen-Prinzip. Bei uns waren drei Blackjack-Tische nebeneinander angeordnet, und für alle drei gab es eine Aufsichtsperson. Sobald Geld gewechselt wurde, hat sie über die Schulter geschaut und alles nachkontrolliert.

David: „Wenn dann die erste Person kommt und einfach mal 10.000 Euro über den Tisch schiebt, damit du das in Chips wechselst, denkst du dir schon: Nicht schlecht, nicht schlecht.“

Das Handwerk: Chipfarben statt Geldsummen

Erinnerst du dich an deine allererste Schicht?

David: Sehr gut sogar, weil gleich zu Beginn etwas schiefging. Der erste Gedanke ist eigentlich nur: diesen Tag rumbekommen, ohne komplett zu versagen. Bei den Geldsummen, die im Spiel sind, ist man am Anfang ziemlich nervös.

Was war der Fehler?

David: Bei der allerersten Hand, die ich gegeben habe. Der Croupier bekommt beim Blackjack eine Karte, ich habe mir zwei hingelegt.

Was macht man in so einem Fall?

David: Entweder die Karte wird verbrannt, also auf den Stapel gelegt, der nicht mehr benutzt wird. Oder der Gast bekommt die Möglichkeit, die Karte zu nehmen. Er darf entscheiden.

Wie hat der Gast reagiert?

David: Er hat gegrinst. Wir hatten ihm vorher gesagt, dass es meine erste Schicht ist. Er war freundlich, sagen wir es so.

Wie lange dauert es, bis Kartengeben und Chipstapeln in Fleisch und Blut übergehen?

David: Ungefähr einen Monat. Man bekommt am Anfang sogar Chips mit nach Hause, weil man den Fünferstapel und das Abcutten üben soll.

Welche Spiele beherrschst du, und welches ist dein liebstes?

David: Poker, Roulette, Blackjack und Ultimate Poker. Mein Lieblingsspiel war immer Blackjack, weil man da mit den Gästen zusammenspielt und mitfiebert. Es ist ja nicht das eigene Geld, sondern das der Bank. Dadurch spielt man ganz entspannt mit und schaut, was die Leute machen.

Gibt es unter den Spielen eine Hierarchie?

David: Man fängt immer mit Blackjack an, danach bietet dir die Spielbank Poker an. Die Königsdisziplin ist Roulette. Dafür muss man wirklich gut im Kopf rechnen können.

Wie schafft man dieses Kopfrechnen unter Druck?

David: Ich habe nie mit Geldsummen gerechnet, immer mit Chipfarben. Wenn jemand 150 Euro setzt, ist das im Kopf schwer zu multiplizieren. Stattdessen merkt man sich die Kombinationen der Chips, die man auszahlt.

David: „Ich habe nie mit Geldsummen gerechnet, immer mit Chipfarben.“

Wie behältst du bei sechs, sieben Spielern gleichzeitig den Überblick?

David: Beim Blackjack ist das kein Problem, da spielt jeder auf seiner Position. Beim Roulette ist es schwieriger. Vielspielern kann man eigene Chipfarben geben, und viele Gäste spielen ohnehin immer dieselben Kombinationen: kleine Serie, große Serie, ein Drittel des Felds. Nach ein paar Besuchen kennt man das.

Für den Fall der Fälle gibt es die Aufsicht am Tisch und die Videoüberwachung. Bei Streitigkeiten geht der Saalchef nach hinten und prüft die Aufnahmen.

Gibt es beim Wechsel am Tisch ein Ritual?

David: Es gibt eine offizielle Übergabe. Man arbeitet 45 Minuten am Tisch, dann folgen 15 bis 30 Minuten Pause. Und bevor ein Croupier den Tisch verlässt, klatscht er die Hände ab. So ist für alle sichtbar, dass keine Chips im Anzug oder im Hemd verschwinden.

Dein peinlichster Fehler?

David: Nach ungefähr anderthalb Jahren habe ich einem Gast beim Blackjack statt des Anderthalbfachen das Dreieinhalbfache ausgezahlt. Das ist logisch nicht erklärbar und war mir ordentlich peinlich. So etwas wird natürlich sofort korrigiert.

Die Gäste: Zuhälter, Hasenpfoten und Junggesellenabschiede

Welche Gäste sind dir am häufigsten begegnet, und welche Klischees stimmen wirklich?

David: Ein paar Klischees stimmen tatsächlich. Es sind oft Zuhälter da, das ist wirklich so. Dazu sehr reiche und sehr arme Menschen. Viele spielen deutlich über dem, was sie sich eigentlich leisten können, und das sieht man den Leuten an.

Gibt es einen Unterschied zwischen mittags und abends?

David: Einen großen. Mittags kommen eher ältere Gäste, für viele ist es ein Zeitvertreib: die gleichen Spiele, ein bisschen quatschen, Bekannte treffen. Abends ist die komplette Gesellschaft vertreten, von Erstbesuchern über Stammspieler bis zum Junggesellenabschied.

Junggesellenabschiede im Casino, funktioniert das überhaupt?

David: Es kommt vor, ja. Ausleben können sie sich drinnen natürlich nicht so wie draußen. Sobald jemand zu betrunken ist oder zu laut wird, wird er ermahnt und notfalls auch rausgeworfen.

Erkennst du Erstbesucher sofort?

David: Sofort. Stammgäste kommen an den Tisch, sagen Hallo und setzen. Erstbesucher stehen erst einmal daneben, analysieren das Spiel und sind sich unsicher. Wenn jemand das Spiel nicht verstanden hat, habe ich die Regeln immer gern erklärt. Grundsätzlich würde ich aber jedem raten, ein Spiel erst zu verstehen, bevor Geld darauf liegt.

Hat ein Casino-Dealer echte Stammkundschaft?

David: Auf jeden Fall. Am Cash-Game-Tisch beim Poker saßen praktisch immer dieselben Leute. Irgendwann analysiert man mit denen sogar das Spiel und bespricht, welcher Zug gut war und welcher eher nicht.

Welchen Aberglauben siehst du bei Spielern am häufigsten?

David: Alles, was man sich vorstellen kann. Am seltsamsten fand ich die Systeme. Gerade beim Roulette beobachten Leute ewig die Zahlen, warten auf eine bestimmte Kombination und fangen erst dann an zu spielen. Ausgezahlt hat sich das nie, jedenfalls habe ich es nie erlebt.

Und der absurdeste Glücksbringer?

David: Eine Hasenpfote. Ein Gast hat sie beim Blackjack immer oben auf seine Chips gelegt. Am Anfang wollten wir noch diskutieren, dass das nicht erlaubt ist. Ab dem dritten oder vierten Besuch haben wir ihn machen lassen. Einen Effekt auf seine Gewinne hatte die Pfote übrigens nicht.

Was ist das größte Filmklischee über Casinos?

David: Dass Kartenzählen funktioniert. Viele stehen am Tisch, starren auf die Mischmaschine und versuchen es. Aber die Karten wandern nach wenigen Händen zurück in die Maschine, da ist Zählen schlicht nicht mehr möglich. Und auch die großen Casino-Tricks aus Filmen kann man vergessen: Durch das Vier-Augen-Prinzip ist man nie allein mit dem Geld. Es gibt einfach keine Möglichkeit, damit abzuhauen.

Die großen Momente: der Traktor-Bauer und viermal die 16

Gibt es einen Moment am Tisch, der dir bis heute im Kopf geblieben ist?

David: Sogar zwei. Einer am Blackjack-Tisch, einer am Roulette. Beim Blackjack kam ein Bauer an meinen Tisch und hat gesagt: Ich habe 2.000 Euro, und ich brauche 15.000, weil ich mir einen neuen Traktor kaufen muss. Ich habe ihn angeschaut und ihm gesagt, dass er komplett an der falschen Adresse ist, wenn er hier mit sicherem Geld rechnet. Er wollte es trotzdem versuchen.

Also habe ich gesagt: Komm, wir versuchen das zusammen. Er hat jedes Mal aufgehört zu spielen, wenn ich in die Pause gegangen bin, weil er nur mit mir spielen wollte. Wir haben den kompletten Abend miteinander verbracht, und am Ende ist er tatsächlich mit den 15.000 Euro nach Hause gegangen. An meine letzten Worte erinnere ich mich noch genau: Hier, nimm das, aber komm niemals wieder.

Und? Kam er wieder?

David: Ein halbes Jahr später stand er wieder an meinem Tisch. Er war sogar am Tag davor schon einmal da. Weil ich keinen Dienst hatte, ist er unverrichteter Dinge wieder heimgefahren. Das fand ich fast ein bisschen rührend.

Diesmal hatte er 500 Euro dabei und brauchte 3.000 für einen Flug. Ich habe nur gefragt: Glaubst du wirklich, dass das ein zweites Mal funktioniert? Am Ende des Abends hatte er seine 3.000 Euro tatsächlich zusammen. Ich konnte es selbst nicht fassen.

David zum Traktor-Bauern: „Hier, nimm das, aber komm niemals wieder.“

Und die Roulette-Geschichte?

David: Das war mittags: ein älterer Herr, der immer nach demselben System gespielt hat. Er nannte es „Ferrari“, die 16 gehörte dazu. Er hat lange nur verloren.

Mit seinem letzten Geld hat er die Serie noch einmal gespielt, und dann kam die 16. Er hat verdoppelt, die 16 kam wieder. Er hat noch einmal verdoppelt, sie kam wieder. Und ein drittes Mal: wieder die 16.

Ich habe es geschafft, viermal hintereinander die 16 zu werfen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist verschwindend gering. Am Ende stand er bei rund 7.000 Euro plus, und ich hatte danach selbst einen richtig guten Tag.

Du hast auch einen Gast erlebt, der mit einem Bündel 500-Euro-Scheine aufgetaucht ist.

David: Ich wurde einmal für einen sehr wohlhabenden Gast abgestellt, in einem separaten Raum, nur er und ich. Blackjack, Roulette, Ultimate Poker, was er wollte. Er hat einen Batzen 500-Euro-Scheine herausgeholt, vielleicht 50.000 oder 60.000 Euro, mir davon 30.000 auf den Tisch geworfen und gesagt, ich soll wechseln.

Nebenbei hat er erzählt, dass er auf einer Casino-Tour ist und leider erst 150.000 Euro Gewinn gemacht hat. Dieses „leider“ und „erst“ fand ich schwierig. Da denkt man sich schon seinen Teil, wenn man selbst froh wäre, einen Bruchteil davon zu haben.

Gab es wenigstens ein gutes Trinkgeld?

David: Ja, ungefähr 1.000 Euro, das höchste, das ich an einem Tisch erlebt habe. Behalten durften wir davon aber nichts.

Es gab aber auch weniger schöne Momente: Du hast einen Streit erlebt, der richtig eskaliert ist.

David: Zwei Gäste haben am Roulette gespielt und beide gedacht, dass ihnen der Gewinn gehört. Der Saalchef hat hinten die Kameras geprüft und den Gewinn dem einen zugesprochen. Der andere konnte das nicht akzeptieren. Er war eigentlich schon auf dem Weg nach draußen, hat es sich anders überlegt, ist zurückgerannt und hat den Mann mit einem Superman-Punch ausgeknockt.

Den Croupier?

David: Nein, den Gast. Danach kam die Polizei. Die ist in solchen Fällen innerhalb von drei bis vier Minuten da, in Vollmontur. Es gibt Panikknöpfe und eine Direktschaltung. Angst hatte ich deshalb nie.

Einmal hat eine Putzfrau abends aus Versehen das Sicherheitssystem ausgelöst. Wenige Minuten später standen ihr bewaffnete Polizisten gegenüber und haben sie aus dem Gebäude begleitet.

Geld und Alltag: Trinkgeldtopf, Nachtschichten, Anzugpflicht

Reden wir über Geld. Wie funktioniert das Trinkgeldsystem?

David: Alles, was am Tisch an Trinkgeld zusammenkommt, geht in einen gemeinsamen Topf. Früher wurden Croupiers komplett aus diesem Topf bezahlt, und es kam so viel zusammen, dass man damals teilweise richtig gut verdient hat.

Heute reicht der Topf für die Löhne nicht mehr, die Spielbank zahlt dazu. Direkt am Tisch behalten darfst du nichts.

Was gibt ein normaler Gast?

David: Trinkgeld ist wie eine Belohnung für uns, wenn ein Gast gewonnen hat. Verliert jemand, gibt er nichts. Das ist völlig normal. Wenn jemand beim Roulette eine Zahl direkt trifft und 1.500 Euro gewinnt, gibt er vielleicht 50 davon ab. Oder Gäste geben beim Gehen 10 oder 20 Euro, wenn sie mit dem Abend zufrieden waren.

Und was bleibt bei einem Anfänger am Monatsende übrig?

David: Ich habe ein- bis zweimal pro Woche gearbeitet, neben dem Studium, und bin am Ende mit 800 bis 900 Euro rausgegangen. Es gibt ein Grundgehalt plus Zuschläge für Feiertage, Wochenenden und späte Stunden.

Wann ist es am vollsten?

David: Bei Pokerturnieren, da ist das ganze Haus voll, und in den Pausen gehen die Leute auch an die anderen Tische. Und sonst klassisch abends am Wochenende.

Was unterscheidet einen ruhigen Dienstagabend von einer Samstagnacht?

David: Am Dienstag hast du zwei, drei Gäste, mit denen du entspannt spielst und nebenher redest. An einem vollen Samstag am Roulettetisch musst du dich richtig konzentrieren, damit jede Auszahlung stimmt, während ständig Leute auf dich einreden.

Was macht der Job auf Dauer mit dem Körper?

David: Der Schlafrhythmus leidet, das muss man ganz ehrlich zugeben. Viele Croupiers studieren nebenher. Du arbeitest bis um zwei Uhr nachts und sollst um sieben in der Vorlesung sitzen. Das gestaltet sich manchmal schwierig. Dafür steht man weniger, als alle denken: Beim Poker und beim Blackjack sitzt man, nur beim Roulette steht man.

Erzähl noch etwas zum Dresscode.

David: Als Croupier trägt man schwarzen Anzug mit Fliege. Mit 18 gibt es sonst nicht viele Anlässe für einen Anzug, und wenn man sich dann zum ersten Mal darin sieht, denkt man sich: Passt eigentlich ganz gut zu mir. Kleider machen Leute.

Bei den Gästen gab es eine Sakko-Pflicht, aber keine Regel für den Rest. Es kam also durchaus vor, dass jemand in roter Trainingshose und Tanktop erschienen ist, mit Sakko darüber. Eine ganz wilde Kombination.

Über welche Gäste hast du dich gefreut?

David: Über Gruppen, die den Abend richtig zelebriert haben. Die Männer im Anzug, die Frauen im schicken Kleid, dazu ein Martini, weil das eben zu James Bond gehört. Die waren für die Erfahrung da und nicht, um möglichst viel Geld herauszuziehen. Denen hat man gern zugeschaut, und ich habe ihnen jeden Gewinn gegönnt.

Die ernste Seite: Wenn Spielen kein Spiel mehr ist

Erkennst du als Casino-Dealer, wenn ein Gast ein echtes Glücksspielproblem hat?

David: Man erkennt es zuerst an der Häufigkeit, mit der jemand kommt. Und dann daran, dass diese Gäste mit einem Gewinn nie gehen.

Ich habe mit vielen geredet und gesagt: Bitte geh doch jetzt nach Hause, mit dem Gewinn. Aber in ihrem Kopf war dann immer: Ich habe letztes Jahr 100.000 Euro verloren. Die konnten den Gewinn nie einfach mitnehmen und sich darüber freuen. Sie waren da drin gefangen.

Was passiert in so einem Fall?

David: Croupiers bekommen eine Schulung, um Spielsucht zu erkennen. Wenn ein Croupier der Casinoleitung meldet, dass ein Gast spielsüchtig ist, muss die Leitung den Gast vom Spiel ausschließen. Genau deshalb wird man auch angehalten, mit so einer Aussage vorsichtig umzugehen. Das ist ein schwerer Eingriff.

Nach deinem Ausstieg warst du selbst erst einmal gesperrt.

David: Ja. Man registriert sich ja an jedem Casino-Eingang. Als ehemaliger Croupier landet man in einer Datenbank und wird gesperrt, ich glaube für zwei Jahre.

Der Gedanke dahinter: Man hat als Croupier jeden Abend zugeschaut und mitgespielt. Wenn man anfällig ist, soll man nach dem Job nicht direkt in die Spielsucht rutschen. Es gab Kollegen, die nach einem Pokerturnier privat weitergespielt haben, zu sechst, zu siebt. Der Schutz ergibt schon Sinn.

Hat die Zeit hinter dem Tisch deine Sicht auf das Glücksspiel verändert?

David: Am Anfang dachte ich, dass es mich selbst treffen könnte. Aber sobald man im Casino gearbeitet hat und sieht, wie klein die Gewinnchancen wirklich sind und wie wenige Leute mit einem Gewinn rausgehen, schreckt einen das ziemlich ab, ernsthaft mit Geld zu spielen.

Ein Kollege von dir hatte dazu einen Satz.

David: Er hat immer gesagt: Entweder du hörst als Croupier auf und gehst nie wieder in ein Casino, weil du gesehen hast, wie die Chancen stehen. Oder du hörst auf und bist danach direkt spielsüchtig. Dazwischen gibt es gefühlt nicht viel.

David: „Nur mit dem Plan, Geld zu gewinnen, sollte man nicht durch die Tür gehen.“

Was hältst du von dem Spruch: Die Bank gewinnt immer?

David: Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, beim allerersten Casinobesuch richtig viel zu gewinnen. Der Kopf speichert dann ab, dass das eine Möglichkeit ist, an Geld zu kommen. Und das Casino holt sich sein Geld auf irgendeine Art immer zurück. Entweder du kommst wieder, oder du verspielst den Gewinn noch am selben Abend.

Wenn dich heute ein Freund fragt, ob er ins Casino gehen soll?

David: Dann bin ich sofort dabei. Als Erlebnis für einen besonderen Abend ist es großartig. Die Atmosphäre ist einmalig. Nur mit dem Plan, Geld zu gewinnen, sollte man nicht durch die Tür gehen.

Warum hast du eigentlich aufgehört?

David: Ich habe den Studiengang gewechselt und bin in eine andere Stadt gezogen. Ich muss ehrlich sagen: leider. Es hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich habe Menschen kennengelernt, zu denen ich sonst nie Zugang gehabt hätte, und ich habe gesehen, wie Leute mit Geld umgehen und wie schnell es weg sein kann. Das hat mir fürs Leben einiges mitgegeben.

Und wenn du heute noch einmal 18 wärst?

David: Ich würde es sofort wieder machen. Es war anstrengend, immer bis um zwei Uhr nachts am Tisch. Aber ich will die Zeit nicht missen, ich fand es richtig cool.

Die Fragen, die sonst keiner stellt

Das ungewöhnlichste Trinkgeld deiner Karriere?

David: Telefonnummern von älteren Damen. Das kommt öfter vor, als man denkt. Manche suchen einen hinterher auch auf Facebook.

Siehst du einem Gast an, was er gleich spielen wird?

David: Sofort. Slot-Spieler erkennt man am Outfit, Roulette-Spieler am Anzug. Roulette ist das angesehenste Spiel im Haus, da laufen die Leute richtig schick herum.

Was sollte ein Erstbesucher als erstes Spiel ausprobieren?

David: Blackjack. Es ist das interaktivste Spiel: Man entscheidet am meisten selbst und fiebert mit dem ganzen Tisch mit. Beim Roulette setzt du deinen Chip und wartest nur.

Letzte Frage

Was würdest du deinem 18-jährigen Ich am ersten Arbeitstag sagen?

David: Mach dir keine Gedanken, es wird nicht so schlimm. Es gibt immer jemanden, der dir über die Schulter schaut. Und immer jemanden, der dich rausretten kann.

David arbeitet heute nicht mehr in der Spielbank. Dem Anzug ist er treu geblieben.

Insider Talk, die Interview-Reihe von spielbank.com.de, gibt es auch zum Anhören: oben im Artikel als fünfminütige Audio-Fassung.

Mehr Insider-Geschichten: das Croupier-Interview aus Baden-Baden über die 90er hinter dem Tisch, das Video-Interview mit der Spielbank Rostock und unsere Erfahrungsberichte aus allen Spielbanken in Deutschland.

Insider-Talk-Redaktion - die Interview-Reihe  von
  spielbank.com.de
Insider-Talk-Redaktion die Interview-Reihe von spielbank.com.de Aktualisiert: 22.07.2026

Insider Talk ist die Interview-Reihe von spielbank.com.de. Die Redaktion spricht mit Menschen, die die Welt der Spielbanken von innen kennen, vom Croupier bis zum Stammgast, und holt ihre Geschichten ins Magazin.